Psychische Erkrankungen und Neurodiversität – wie Autismus oder ADHS – sind oft unsichtbar, doch ihre Auswirkungen auf den Alltag sind real. Dieser Beitrag zeigt, auf welche Barrieren Betroffene stoßen können und welche Maßnahmen mehr Barrierefreiheit schaffen können.
Was sind psychische Erkrankungen und Neurodiversität?
Psychische Erkrankungen umfassen ein breites Spektrum an Störungen, die das Denken, Fühlen oder Handeln einer Person beeinträchtigen. Sie können sich in verschiedenen Formen äußern und haben oft tiefgreifende Auswirkungen auf das tägliche Leben. Dazu gehören zum Beispiel:
- Depressionen: anhaltende Antriebslosigkeit, tiefe Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Interessensverlust, …
- Angststörungen: soziale Ängste, generalisierte Angst, Panikattacken, …
- Psychosen: Halluzinationen, Wahnvorstellungen (z. B. bei Schizophrenie), …
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): oft als Folge von traumatischen Erlebnissen, wiederkehrende Flashbacks, Albträume, …
Neurodiversität hingegen beschreibt die natürliche Vielfalt der menschlichen Gehirnfunktion. Dazu zählen zum Beispiel:
- Autismus-Spektrum-Störung (ASS): andere Wahrnehmung der Umgebung, Herausforderungen in der sozialen Interaktion, besondere individuelle Stärken oder Interessensgebiete, sensorische Über- oder Unterempfindlichkeit bezüglich bestimmten Geräuschen, Berührungen oder Licht, …
- ADHS: Aufmerksamkeitsschwäche, Hyperaktivität, Impulsivität, …
- Legasthenie: Schwierigkeiten beim Erlernen und Ausführen des Lesens und Schreibens trotz mindestens durchschnittlicher Intelligenz
Wichtig ist: Weder psychische Erkrankungen noch Neurodiversität sind eine Schwäche oder ein Makel. Sie sind vielmehr ein Teil der menschlichen Vielfalt. Und auch jede der genannten Erkrankungen und Arten der Neurodiversität äußern sich ganz individuell. Jeder Mensch hat individuelle Bedarfe, und es ist entscheidend, diese anzuerkennen.
Auswirkungen auf den Alltag
Psychische Erkrankungen und Neurodiversität prägen den Alltag der Betroffenen auf vielfältige Weise und wirken sich auf fast alle Lebensbereiche aus. Die Herausforderungen sind dabei so individuell wie die Menschen selbst, doch einige typische Beispiele verdeutlichen, wie tiefgreifend die Auswirkungen sein können:
- Arbeit: Im Berufsleben können sich psychische Erkrankungen und neurodivergente Merkmale auf unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Viele Menschen mit ADHS haben zum Beispiel oft Schwierigkeiten, sich über längere Zeit zu konzentrieren, Prioritäten zu setzen oder Aufgaben strukturiert abzuarbeiten – besonders in lauten Großraumbüros oder bei monotonen Tätigkeiten. Soziale Ängste können es Betroffenen erschweren, an Meetings teilzunehmen oder im Team zu kommunizieren. Für Menschen im Autismus-Spektrum kann die Reizüberflutung durch grelles Licht, Hintergrundgeräusche oder unvorhersehbare soziale Interaktionen den Arbeitsalltag erschweren.
- Soziales Leben: Viele Betroffene haben Schwierigkeiten, ein „typisches“ Sozialleben aufrechtzuerhalten. Ein Mensch mit einer Depression sagt vielleicht eine Einladung ab, weil ihm selbst kleine soziale Kontakte wie ein Treffen mit Freunden unüberwindbar erscheinen. Menschen mit ADHS werden vielleicht als unzuverlässig wahrgenommen, weil sie einen Termin vergessen. Menschen im Autismus-Spektrum erleben vielleicht, dass ihre Art zu kommunizieren oder ihre Interessen als „seltsam“ abgetan werden. Stigmatisierung und mangelndes Verständnis in der Gesellschaft führen dann oft dazu, dass viele Betroffene sich noch weiter zurückziehen.
- Alltagsbewältigung: Auch scheinbar einfache Aufgaben können zur Herausforderung werden. Menschen mit Angststörungen oder PTBS vermeiden vielleicht den Besuch eines Supermarkts, weil sie möglichen Triggern aus dem Weg gehen möchten und beispielsweise Panikattacken in Menschenmengen fürchten. Für Menschen, die zu sensorischer Überlastung neigen, kann der wöchentliche Einkauf aufgrund der sensorischen Reizüberflutung – grelles Licht, laute Musik, viele Gerüche – zu einem enormen Kraftakt werden. Auch Legasthenie kann den Alltag erschweren, etwa beim Ausfüllen von Formularen.
- Digitale Welt: Das Internet und digitale Anwendungen bergen weitere Herausforderungen. Unklare Websites mit überladenen Menüs oder fehlender Struktur überfordern viele Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Neurodiversität. Flackernde Elemente, automatisch ablaufende Videos oder grelle Farben können zu sensorischer Überlastung führen.
Viele Betroffene entwickeln als Reaktion auf diese Herausforderungen Vermeidungsverhalten: Sie meiden Situationen, die ihnen Angst machen oder sie überfordern, um sich zu schützen. Doch dieser Rückzug kann langfristig die Lebensqualität weiter einschränken. Dabei gibt es zahlreiche Maßnahmen für Barrierefreiheit, die die gesellschaftliche und soziale Teilhabe erleichtern können – von angepassten Arbeitsplätzen über klare Kommunikationsstrukturen bis hin zu barrierefreien digitalen Angeboten.
Barrierefreiheit: Was hilft?
Menschen sind individuell und haben unterschiedliche Stärken und Schwächen. Eine barrierefreie Umgebung sorgt dafür, dass alle Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen und sozialen Leben teilhaben können. Dabei unterstützt eine bestimmte Barrierefreiheitsmaßnahme nicht nur eine einzelne Personengruppe, sondern kann vielen verschiedenen Menschen zugutekommen. Sie sollte deshalb nicht als Sonderlösung betrachtet werden, sondern als Möglichkeit, das gemeinsame Leben für alle zu erleichtern.
- Klare und verständliche Kommunikation: Verständliche Sprache und ein klarer Textaufbau helfen zum Beispiel Menschen mit Konzentrationsschwierigkeiten, geringeren mentalen Energieressourcen und Legasthenie. Präzise Formulierungen (ohne beispielsweise Metaphern oder Ironie) tragen dazu bei, dass alle Menschen wichtige Inhalte erfassen können, insbesondere Menschen, die damit Schwierigkeiten haben, wie zum Beispiel oft im Autismus-Spektrum zu beobachten.
- Flexible Angebote: Flexible Angebote helfen dabei, dass niemand aufgrund seiner individuellen Voraussetzungen ausgeschlossen wird. Dazu gehören zum Beispiel flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit zu Home-Office. Über den Bereich Arbeit hinaus sind zum Beispiel mehrkanälige Kontaktmöglichkeiten (z. B. telefonisch und schriftlich) zu empfehlen oder die Möglichkeit, Termine entweder vor Ort oder aber auch telefonisch, im Chat oder als Videokonferenz wahrzunehmen.
- Ruheräume /-zeiten: Leise, reizarme Bereiche in Unternehmen oder öffentlichen Gebäuden bieten Menschen, die zu sensorischer Überlastung neigen, eine Verschnaufmöglichkeit. Mittlerweile gibt es z. B. immer mehr Supermärkte, die während einer sogenannten „Stillen Stunde“ das Licht im Laden dimmen und Hintergrundmusik ausschalten, um für betroffene Menschen ein angenehmeres Einkaufserlebnis zu ermöglichen.
- Digitale Barrierefreiheit: Vorgaben und Empfehlungen finden sich zum Beispiel in den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG). Internetseiten und deren Menüstrukturen sollten klar und logisch aufgebaut, Schaltflächen selbsterklärend sein. Überladene Seiten und flackernde Elemente sollten vermieden werden, Videos sollten nicht automatisch ablaufen. Außerdem sollten Nutzer:innen die Darstellung einer Anwendung anpassen können, also z. B. die Schrift vergrößern und Kontraste und Farben anpassen können. In Formularen sollte klar kommuniziert werden, was zu tun ist, wo vielleicht etwas falsch eingetragen wurde und wie der Fehler zu beheben ist.
Viele dieser Angebote, wie z. B. die „Stille Stunde“, werden übrigens auch gern von Menschen genutzt, die keine psychische Erkrankung oder anderweitige Behinderung haben oder neurodivergent sind. Das zeigt einmal mehr, dass Barrierefreiheit keine „Extrawurst“ für eine ausgewählte Anzahl von Menschen ist, sondern dass alle davon profitieren.