Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz trat am 28.06.25 in Kraft! Jetzt kostenlose Vorabprüfung anfragen!

Von der Nische zur Selbstverständlichkeit:
Wie Tastmodelle Museen, Städte und Zoos für alle erlebbar machen

Was sind Tastmodelle?

Tastmodelle sind dreidimensionale, haptisch erfahrbare Nachbildungen von Objekten, Gebäuden, Kunstwerken oder Tieren. Sie ermöglichen es, Dinge zu „begreifen“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Ursprünglich als Hilfsmittel für Menschen mit Sehbehinderung entwickelt, erobern Tastmodelle zunehmend den öffentlichen Raum.

Doch ihr Nutzen geht weit über die Barrierefreiheit hinaus. Tastmodelle schaffen neue Zugänge zu Wissen, fördern das Verständnis für komplexe Zusammenhänge und machen beispielsweise Kultur und Natur für alle Sinne erlebbar.

Barrierefreiheit: Öffentliche Räume für alle zugänglich machen

Für Menschen mit Sehbehinderung sind viele öffentliche Orte oft nur eingeschränkt erlebbar. Tastmodelle schließen diese Lücke:

Museen: Originale Kunstwerke oder historische Artefakte dürfen aus Konservierungsgründen meist nicht berührt werden. Tastmodelle ermöglichen es, Skulpturen, Gemälde (als Relief) oder archäologische Funde zu ertasten – und so Details zu erfassen, die durch reine Beschreibung nicht vermittelt werden können.
Hier ein Beispiel aus dem Deutschen Museum in München: Ein Relief, das nach einem der Sonnenblumengemälde von Vincent van Gogh erstellt wurde.

Das Tastrelief von Vincent van Goghs berühmtem Sonnenblumenbild wurde in den Werkstätten des Deutschen Museums gefertigt. Copyright Deutsches Museum

Foto: Deutsches Museum


Und hier zwei Beispiele aus dem Sprengel Museum Hannover, die ausgewählte Kunstwerke von Niki de Saint Phalle haptisch nachvollziehbar machen.

Niki de Saint Phalle Tastmodell, Sprengel Museum
Niki de Saint Phalle Tastmodell, Sprengel Museum

Fotos: Monika Mersmann

Städte und Architektur: Taktile Stadtpläne oder Modelle von Gebäuden helfen bei der Orientierung und vermitteln ein räumliches Verständnis für die Umgebung. Besonders in historischen Städten oder an Touristenattraktionen werden solche Modelle immer häufiger aufgestellt.
Hier ein Tastmodell im Schauspielhaus Hannover: Das Bühnenbild der Inszenierung „Mit anderen Augen“ und der Theatersaal.

Tastmodell aus dem Schauspielhaus Hannover

Foto: Pauline Hofmann

Zoos und Naturkundemuseen: Hier ermöglichen Tastmodelle von Tieren, Pflanzen oder Fossilien ein greifbares Erlebnis. Wer schon einmal einen Elefantenzahn oder die Flügel eines Vogels ertastet hat, versteht die Faszination für Natur auf eine ganz neue Weise.

Hier eine Taststation eines Erdmännchens im Tierpark Bochum.

Tastmodell aus dem Tierpark Bochum

Foto: Pauline Hofmann

Mehrwert für alle: Warum Tastmodelle nicht nur für Menschen mit Sehbehinderung spannend sind

Tastmodelle bereichern das Erlebnis für alle Besucher:innen:

  • Lernen mit allen Sinnen: Studien zeigen, dass wir uns Dinge besser merken, wenn wir sie nicht nur sehen, sondern auch anfassen. Tastmodelle fördern das multisensorische Lernen und machen komplexe Inhalte begreifbar – im wahrsten Sinne.
  • Interaktion und Neugier: Besonders für Kinder sind Tastmodelle eine Einladung zum Entdecken. Wer hat schon mal einen Dinosaurierknochen oder die Struktur eines Blattes ertastet? Solche Erlebnisse wecken Interesse und fördern die Wissbegierde.
  • Neue Perspektiven: Wer ein Gebäude oder ein Kunstwerk nur durch Berührung erlebt, nimmt es anders wahr. Das schafft Empathie und Verständnis für Menschen, die auf nicht-visuelle Wahrnehmung angewiesen sind.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Trotz aller Vorteile sind Tastmodelle noch nicht überall selbstverständlich. Gründe dafür sind oft:

  • Kosten: Hochwertige Tastmodelle sind in der Herstellung aufwendig und teuer. Doch durch neue Technologien wie 3D-Druck werden sie zunehmend erschwinglicher.
  • Platz: Nicht jede Ausstellung hat Raum für zusätzliche Modelle. Hier sind kreative Lösungen gefragt, etwa mobile Taststationen.
  • Bewusstsein: Viele Kultur- und Freizeiteinrichtungen wissen noch nicht um den Nutzen von Tastmodellen – oder sehen sie als „Sonderlösung“ für eine kleine Zielgruppe.

Doch die Entwicklung geht voran: Immer mehr öffentliche Orte erkennen den Wert von Tastmodellen – nicht nur als Barrierefreiheitsmaßnahme, sondern als Bereicherung für alle Besucher:innen.

Und manchmal lohnt es sich auch, einfach kreativ zu sein. Im Kunstverein Hannover wurden Taststationen beispielsweise so in die Ausstellung inkorporiert, dass sie kaum als solche auffallen. Teilweise wurden einfach Teile der Kunstwerke zum Anfassen bereitgestellt – ohne extra Modelle anzufertigen.

Tastmodelle im Kunstverein Hannover

Foto: Pauline Hofmann

Fazit: Tastmodelle als Brücke zwischen den Sinnen

Tastmodelle sind eine Einladung, die Welt auf neue Weise zu entdecken. Sie machen Kultur, Architektur oder Natur für Menschen mit Sehbehinderung zugänglich und schaffen gleichzeitig ein intensiveres Erlebnis für alle anderen.

Die Botschaft ist klar: Barrierefreiheit und sinnliche Vielfalt bereichern uns alle. Es lohnt sich, Tastmodelle nicht als „Extra“, sondern als selbstverständlichen Bestandteil moderner Ausstellungen und öffentlicher Räume zu verstehen.

Lassen Sie uns gemeinsam mithilfe von Tastmodellen nach den Sternen greifen!

Foto: Pauline Hofmann