Was ist Taubblindheit?
Taubblindheit ist eine seltene, aber tiefgreifende Sinnesbehinderung, bei der Betroffene sowohl stark hör- als auch sehbehindert sind. Das bedeutet nicht, dass sie gar nichts hören oder sehen können – oft sind Restfunktionen vorhanden. Doch die Kombination beider Einschränkungen stellt besondere Herausforderungen im Alltag dar, insbesondere bei der Kommunikation.
Taubblindheit kann angeboren sein oder im Laufe des Lebens durch Krankheiten, Unfälle oder altersbedingte Prozesse entstehen. Jeder Mensch erlebt Taubblindheit individuell, was die Entwicklung passender Unterstützungsangebote so wichtig macht.
Lormen: Die Sprache in den Händen
Eine der faszinierendsten Kommunikationsformen für taubblinde Menschen ist das Lormen (auch Lorm-Alphabet genannt). Entwickelt im 19. Jahrhundert von Hieronymus Lorm, einem taubblinden Dichter, ermöglicht es die Buchstaben des Alphabets durch Berührungen auf der Handfläche darzustellen.
Wie funktioniert Lormen?
Jeder Buchstabe wird durch eine bestimmte Berührung oder Bewegung auf der Handfläche des Gesprächspartners dargestellt. Die Handfläche wird dabei in verschiedene Zonen eingeteilt:
- Fingerkuppen: Tippen auf bestimmte Finger steht für bestimmte Buchstaben (z.B. Daumen = A, Zeigefinger = B).
- Handfläche: Streichen oder Klopfen auf verschiedene Stellen repräsentieren andere Zeichen.
- Handgelenk und Handrücken: Werden für Zahlen und Sonderzeichen genutzt.
Die Berührungen können sanft oder fester sein, um Betonungen oder Emotionen auszudrücken. Lormen ist nicht nur ein Alphabet, sondern auch eine Möglichkeit, Nuancen und Gefühle zu vermitteln – ähnlich wie die Betonung in der gesprochenen Sprache.
Beispiel: Das Wort „Hallo“ lormen
- H: Tippen auf die Handkante (kleiner Finger)
- A: Tippen auf den Daumen
- L: Streichen von der Handfläche zum Handgelenk
- L: Streichen von der Handfläche zum Handgelenk
- O: Kreis auf der Handfläche
Helen Keller: Eine Ikone der Taubblindenkommunikation
Helen Keller (1880–1968) ist wohl die bekannteste taubblinde Persönlichkeit der Welt. Nach einer Krankheit im Kleinkindalter verlor sie ihr Gehör und ihre Sehkraft. Durch ihre Lehrerin Anne Sullivan lernte sie, sich über das Fingeralphabet (eine Form der Gebärdensprache in der Hand) und später auch über Lormen und Braille zu verständigen.
Keller wurde zur Schriftstellerin, Aktivistin und Symbolfigur für Menschen mit Behinderungen. Ihr Leben zeigt, wie wichtig individuelle Kommunikationsformen sind – und dass Taubblindheit kein Hindernis für ein erfülltes Leben sein muss.
Fazit: Kommunikation ist möglich – und bereichert uns alle
Taubblindheit bedeutet nicht Isolation. Mit Lormen und anderen Kommunikationsformen können taubblinde Menschen aktiv am Leben teilhaben. Es ist eine Erinnerung daran, wie vielfältig menschliche Sprache sein kann – und wie wichtig es ist, einander zuzuhören, auch ohne Worte.