Kommunikation ist ein Grundrecht – doch für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder kognitiven Einschränkungen ist sie oft eine Hürde. Zu komplizierte Texte, lange Sätze oder Fremdwörter schließen sie aus. Hier kommen Einfache Sprache und Leichte Sprache ins Spiel. Beide haben das Ziel, Informationen verständlich zu machen, aber sie unterscheiden sich in Zielgruppe, Regeln und Einsatzgebieten. Dieser Artikel erklärt die Unterschiede, zeigt Beispiele und gibt praktische Tipps, wie Sie Ihre Kommunikation inklusiver gestalten können.
Warum ist barrierefreie Kommunikation für Menschen mit Lernschwierigkeiten wichtig?
In Deutschland haben etwa 1,5 Millionen Menschen eine geistige Behinderung (Quelle: Bundesvereinigung Lebenshilfe). Viele von ihnen verstehen komplexe Texte nicht oder nur schwer. Das betrifft nicht nur Menschen mit Diagnosen wie Down-Syndrom, sondern auch:
- Menschen mit Demenz
- Nicht-Muttersprachler
- Personen mit geringer Lesekompetenz (in Deutschland sind das rund 6,2 Millionen Erwachsene, Quelle: Leo-Studie 2018)
Barrierefreie Sprache ermöglicht ihnen, selbstständig Informationen zu verstehen – sei es in Behördenschreiben, auf Websites oder in Alltagssituationen.
Einfache Sprache vs. Leichte Sprache: Was ist der Unterschied?
| Kriterium | Einfache Sprache | Leichte Sprache |
| Zielgruppe | Menschen mit geringen Lesekenntnissen, Nicht-Muttersprachler, ältere Menschen | Menschen mit Lernschwierigkeiten, geistiger Behinderung oder komplexen Verständnisproblemen |
| Regeln | Weniger streng, aber klar und präzise | Sehr strenge Regeln, geprüft durch Zielgruppen-Tests |
| Satzlänge | Kurze Sätze (max. 15 Wörter) | Sehr kurze Sätze (max. 8 Wörter) |
| Wortwahl | Alltagssprache, keine Fremdwörter | Nur bekannte Wörter, Erklärungen für Fachbegriffe |
| Schrift & Layout | Klare Struktur, Hervorhebungen | Große Schrift, viel Weißraum, Bilder zur Unterstützung |
| Zertifizierung | Keine offizielle Prüfung | Wird oft von Experten oder Betroffenen geprüft (z. B. durch das Netzwerk Leichte Sprache) |
| Beispiel | „Sie bekommen einen Brief von uns. Darin steht, wann Ihr Termin ist.“ | „Sie kriegen Post von uns. In dem Brief steht: Wann Sie kommen müssen.“ |
Einfache Sprache: Verständlich für alle
Wann wird sie verwendet?
- Behördenschreiben (z. B. Bescheide, Formulare)
- Gesundheitsinformationen (z. B. Impfaufklärung)
- Kundenkommunikation (z. B. Verträge, AGB)
Regeln der Einfachen Sprache
- Kurze Sätze (max. 15 Wörter)
- Aktive Formulierungen („Sie bekommen“ statt „Es wird Ihnen zugesandt“)
- Keine Fremdwörter (z. B. „Information“ → „Hinweis“)
- Klare Struktur mit Absätzen und Überschriften
- Keine Passivkonstruktionen („Der Antrag wird bearbeitet“ → „Wir bearbeiten Ihren Antrag“)
Beispiel:
Original: „Gemäß § 12 Abs. 3 haben Sie Anspruch auf eine Kostenübernahme, sofern die Voraussetzungen erfüllt sind.“
Einfache Sprache: „Sie können die Kosten erstattet bekommen. Dafür müssen Sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Wir prüfen das für Sie.“
Leichte Sprache: Maximale Verständlichkeit
Wann wird sie verwendet?
- Offizielle Dokumente für Menschen mit geistiger Behinderung (z. B. Wahlbenachrichtigungen)
- Verträge (z. B. Mietverträge in Leichter Sprache)
- Öffentliche Informationen (z. B. Fahrpläne, Warnhinweise)
Regeln der Leichten Sprache
- Sehr kurze Sätze (max. 8 Wörter)
- Nur bekannte Wörter – Fachbegriffe werden erklärt oder vermieden
- Jede Information in einem eigenen Absatz
- Bilder oder Symbole unterstützen den Text
- Prüfung durch die Zielgruppe (z. B. durch Menschen mit Lernschwierigkeiten)
Beispiel:
Original: „Bei einem Notfall wählen Sie die 112. Die Feuerwehr oder der Rettungsdienst kommt dann zu Ihnen.“
Leichte Sprache:
„Wenn es brennt:
Rufen Sie die 112 an.
Dann kommt die Feuerwehr.“
Praktische Tipps: So schreiben Sie in Einfacher oder Leichter Sprache
1. Vorbereitung: Zielgruppe kennen
- Fragen Sie sich: Für wen schreibe ich? Was wissen die Leser schon?
- Testen Sie den Text mit Menschen aus der Zielgruppe.
2. Sprache vereinfachen
- Vermeiden Sie:
- Fremdwörter („kommunizieren“ → „reden“)
- Abkürzungen („z. B.“ → „zum Beispiel“)
- komplizierte Zeitformen („wird bearbeitet worden sein“ → „ist dann fertig“)
- Nutzen Sie:
- Konkrete Beispiele („Sie müssen Unterlagen schicken. Zum Beispiel: Ihren Personalausweis.“)
- Direkte Ansprache („Sie“ statt „man“)
3. Layout anpassen
- Große Schrift (mind. 12 pt, besser 14 pt)
- Viel Weißraum zwischen Absätzen
- Fettdruck für wichtige Infos
- Bilder oder Icons zur Veranschaulichung
4. Tools und Hilfen nutzen
- Regelwerk:
- Leichte-Sprache-Regeln des Netzwerks Leichte Sprache
- Wörterbücher:
Herausforderungen und Kritik
1. „Das klingt wie Kindersprache!“
Ein häufiger Vorurteil – doch Leichte Sprache ist keine Beleidigung, sondern eine Notwendigkeit für Verständlichkeit. Sie folgt klaren Regeln, um Ausgrenzung zu vermeiden.
2. „Das ist zu aufwendig.“
Ja, Leichte Sprache braucht mehr Zeit. Aber:
- Es gibt Vorlagen (z. B. für Standardbriefe).
- Die Mühe lohnt sich – verständliche Texte kommen allen zugute.
3. „Kann KI das übernehmen?“
Tools wie der „Leichte-Sprache-Übersetzer“ können etwas im Prozess der Übersetzung unterstützen, aber menschliche Prüfung bleibt essenziell. KI versteht nicht immer, was wirklich wichtig ist und ist einfach noch nicht in der Lage, komplexe Texte in Leichte Sprache und Einfache Sprache zu übersetzen.
Erfolgsbeispiele: Wo Einfache und Leichte Sprache schon funktionieren
- Die Bundesregierung bietet Gesetze und Informationen in Leichter Sprache an.
- Die Stadt München erklärt ihre Dienstleistungen in Einfacher Sprache.
- Die AOK bietet Gesundheitsinfos in Leichter Sprache an.
Beispiel aus der Praxis: Die Wahlbenachrichtigung zur Bundestagswahl 2021 gab es erstmals bundesweit in Leichter Sprache – so konnten mehr Menschen mit Lernschwierigkeiten wählen gehen.
Fazit: Barrierefreie Sprache ist ein Menschenrecht
Einfache und Leichte Sprache sind kein Luxus, sondern ein Schlüssel zur Teilhabe. Ob in Behörden, Unternehmen oder im Alltag – wer verständlich kommuniziert, erreicht mehr Menschen und zeigt: Jeder gehört dazu.